Elektronenbücher und totes Holz

Im Discover Magazine macht Julie Sedivy die Feststellung, daß, obwohl Bibliotheken ihr neues Buch sehr häufig als eBook kaufen, Studenten nach Angabe ihres Verlages in über 90% der Fälle die gedruckte Version bevorzugen. Hier taucht eine Frage auf, die auch Ausgangspunkt meines Postings hier sein soll: warum schleppen Studenten lieber eine 4 Pfund schwere Papierausgabe mit sich herum, als die gewichtlose eBook-Version zu kaufen?

Vor der Entscheidung, ein Buch in der einen oder anderen Darreichungsform zu erwerben, stehen viele von uns täglich oder jedenfalls häufiger mal. Habt ihr mal bewußt reflektiert, in welchen Fällen ihr ein eBook und wann Papier kauft? Ich persönlich kaufe IT-Fachbücher fast ausschließlich als eBook, weil ich sie nie ganz lese, sondern eher als Nachschlagewerk nutze. Romane kaufe ich teils auf Papier und teilweise als eBook, je nachdem, wie gierig ich bin, sie sofort anlesen zu wollen. Und es gibt Buchsegmente, bei denen bin ich fast davon überzeugt, daß sie sich nie wirklich gut als eBook umsetzen lassen. Dazu gehören zum Beisspiel großformatige Kunstbücher. Dafür bieten Kunstbücher als eBook womöglich einen nicht unbeträchtlichen multimedialen Mehrwert. Kommt immer drauf an, worauf man als Leser aus ist.

Die Frage nach der Art des Lesemediums ist der nach der Technik des Schreibens (Handschrift oder Tippen?) nicht unähnlich. In beiden Diskussionen wird von der einen Seite mit dem Ausleuten einer angeblich überholten Technologie und von der anderen Seite mit kulturellen Status-Quo-Thesen argumentiert. Ich denke, beide Argumentationslinien sind für meinen Geschmack verfehlt. Zum Thema Schreiben folgt aber auch noch ein Posting.

Sedivy zitiert Studien, die belegen, daß Informationen, die wir auf Papier lesen, besser im Gedächtnis haften bleiben, als solche, die wir von Bildschirmen ablesen. Da Sedivy Psycholinguistin ist, wird ihre Argumentation, warum sie dieser Memorierungsstudien Ergebnisse auf einer rationalen Ebene verstörend findet, nicht verwundern. Sie hängt ihre Argumentation nämlich an der Metapher des „Informationen aufnehmen“, „verschlingen“ oder „verdauen“ auf. Es scheint also so, als würde das Lesen auf Papier zu einer besseren „Verdauung“ der Informationen führen. Naheliegende Erklärungsversuche sind:

  • Lesen am Bildschirm ermüdet.
  • Wir werden durch andere Dinge auf dem Bildschirm abgelenkt.

IIn beiden Fällen würden also wertvolle „Informationsvitamine“ nicht richtig aufgenommen. Es gibt übrigens auch Studien, die der Auffassung widersprechen, daß Informationen von Papier besser aufgenommen werden. Hierbei kristallisiert sich folgendes Bild heraus:

  • Nicht alle Probanden erfassen Papierinformationen besser als solche vom Bildschirm. Insbesondere, wenn ihre persönliche Präferenz das Lesen am Bildschirm oder eBook-Reader ist, schneiden anders ab.
  • Die meisten Lesestudien arbeiten mit relativ kleinen Textabschnitten. Es hat sich aber gezeigt, daß das, was der angloamerikanische Sprachraum als „deep reading“ bzw. „deep thinking“ bezeichnet, in der Art der Informationsaufnahme signifikant abweicht.

Das Bild der Aufnahme von Informationen wie Nahrung ist in den Augen von Sedivy aber eher falsch bzw. oberflächlich, da Kognitionsstudien belegen, daß es ein sehr breites Spektrum an Arten zu lesen gibt. Und dabei können sehr unterschiedliche Prozesse ablaufen. Wir können starke visuelle Bilder imaginieren, in einer Art innerer Diskussion Argumente gegen die Meinung des Autors sammeln, über die Motivation der Charaktere spekulieren, den Text mit persönlichen Situationen assoziieren oder die sensorischen oder ästhetischen Qualitäten des Textes wahrnehmen. Weil diese Dinge nicht immer alle gleichzeitig vorkommen, gibt es auch nicht eine Art zu lesen. Studien zeigen, daß ein und derselbe Text, je nach unserem Ziel oder Anspruch, sehr verschiedene Gedanken triggern kann.Manche kleinen oder unbewußten Signale können unsere Informationsverarbeitung entscheident verändern. Ein Beispiel: Probanden, die ganz kurz ein Apple Logo sahen, schneiden in Kreativitätstests besser ab als solche, die ein IBM Logo sahen, weil Apple es sehr erfolgreich geschafft hat, seine Marke stark mit kreativen Tätigkeiten zu verknüpfen. Auch das Lesen von Texten in einem schwer lesbaren Font förderte die Informationsaufnahme, da wir dann beim Lesen sozusagen die schweren kognitiven Geschütze auffahren.

All diese Studien legen den Verdacht nahe, daß die Umgebung des Lesens, das würdige schwere Buch zum Beispiel, im Gegensatz zu ein paar flüchtige Twitter-Nachrichten, einen EInfluß darauf hat, mit welcher kognitiven Einstellung wir an den Text heran gehen. Der oben schon angeführte Artikel von Wired zitiert auch Neuropsychologen, die darauf hinweisen, daß die taktile sensorische Erfahrung von Papier einen Einfluß auf die Informationsaufnahme hat, da ein fester Seitenrahmen einem Informationsschnipsel quasi einen Kontext gibt. Und die beiden Stapel der schon gelesenen oder noch zu lesenden Seiten gibt ein sehr eindeutiges Gefühl für unsere Position innerhalb eines größeren Textes. An diesen visuellen bzw. sensorischen Ankern müssen die Hersteller von eBook-Hard- und Software noch arbeiten.

Sedivy regt an, sich insbesondere Onlinepublisher Gedanken darüber machen sollten, wie sie durch die Ausstattung ihrer Texte den Leser zu einer kognitiven Haltung bewegen können, die dem Text gerecht wird. So wie man sagt, daß das Auge mit ißt (hier sind wir wieder bei der Nahrungsmetapher …), sollte man auch bei Texten und Webseiten auf die Präsentation achten, weil es eben nicht egal ist, wie wir Informationen aufnehmen.

2 Thoughts

  1. Wohl wahr, es ist keineswegs egal. Vorausgeschickt: ich nutze meinen Kindle eifrigst, bin also keine eGegnerin. Aber ich mache gerade – nach geschätzten 25 Jahren Print-Abo des STERN – die Erfahrung, daß mich das (selbsttesthalber) abgeschlossene ePaper-Abo todunglücklich macht. Zeitschrift schmökern auf dem Monitor, das geht für mich gar nicht zusammen.

    1. Ich habe neulich eine Computerzeitschrift (mac & I) als iPad App Inhalt gekauft. Das war ganz nett, weil ich auch die wieder nur so überfliege. Das geht auf dem iPad besser als auf Papier. Die einzige Zeitschrift, der das „deep reading“ in einer App halbwegs gut gelungen ist, ist für mich der New Yorker. Aber auch da finde ich das Lesen längerer Artikel auf dem iPad anstrengender als auf Papier.

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