Mein schwerster Text

Noch nie ist es mir so schwer gefallen, etwas zu schreiben. Aber es war mir auch noch nie so wichtig. Gestern Abend ist meine Mutter auf der Intensivstation des örtlichen Krankenhauses gestorben. Ich war bis zuletzt dabei, weil es mir sehr wichtig war, daß sie nicht alleine ist.

Meine Mutter hatte selbst eine Kindheit, wie man sie niemandem wünscht. Eine Mutter, die einfach nicht akzeptieren wollte, daß sie ein Kind hat („Nenn mich nicht Mutter sondern Else, wenn Leute dabei sind.“) und die eher zu Sadismus als Kinderliebe neigte. Eine typische Szene: „Ins Kino willst du? Das kannst du, wenn du das hier aufgeräumt hast.“ Mit diesen Worten zog sie eine Schublade aus dem Schrank und entleerte sie auf dem Fußboden.

Als Teenager wurde sie zum Arbeitsdienst eingezogen und wurde kreuz und quer durch Deutschland und Österreich versetzt. Als die Alliierten näher rückten, saßen die Mädchen mit einem Drahtkleiderbügel „bewaffnet“ in einem Graben neben der Straße. Irgendwann hat sie sich mit einer Freundin bis nach Hamburg durchgeschlagen. Dann war der Krieg vorbei und sie konnte nach Hause zurück.

Meine Mutter sagte mir einmal, daß sie sich geschworen hätte, daß ich eine bessere Kindheit haben sollte. Was soll ich sagen … Mama, du hast alles richtig gemacht. Machs gut!

Wie meine Koffer einmal alleine verreist sind oder: FAHREN SIE LINKS!

Vor Jahren sind meine Frau (damals noch meine Freundin) und ich nach Irland in Urlaub gefahren. Wir hatten über einen auf Irlandreisen spezialisierten Reiseveranstalter ein Cottage am Ring of Kerry im Westen und die zugehörigen Flüge gebucht. Es ging von Köln aus nach Dublin und von dort per Miniflieger zum County Kerry Airport. So war es zumindest geplant. Dort sollte ein Leihwagen stehen, den ich von Aachen aus gebucht hatte. Zumindest war auch das so geplant.
In Dublin wurde gerade mördermäßig umgebaut und als wir nach dem Abfluggate fragten, sagte die nette Dame am Infoschalter: „Oh, wo Gate 21b gerade ist, weiß ich auch nicht. Kommen Sie, gehen wir mal suchen …“
Wir haben dann leider doch etwas zu lange gesucht und der Checkin war schon geschlossen. Wir konnten unsere Maschine noch off-block gehen sehen.
Voller Panik sind wir zum Aer Lingus Infoschalter gesprintet. Dort teilte man uns mit, daß es keine weiteren Flüge an diesem Tag nach County Kerry gäbe, aber noch einen zum Shannon Airport, der nur 100km nördlich läge. Wenn uns das Recht wäre, würde man uns darauf umbuchen.
Allerdings war unser Gepäck schon im Flieger unterwegs zum Kerry Airport. Auf Nachfrage sagte mir die ebenfalls ausgesprochen freundliche Mitarbeiterin mit, wir mögen uns in Shannon an den Aer Lingus Schalter wenden, man würde sich kümmer.
Kümmern … soso, was das wohl heißen sollte. Und überhaupt: wie sollten wir von Shannon zum Kerry Airport kommen? Zum Glück bin ich ein wenig verpeilt und hatte aus „Versehen“ den Leihwagen bei Europcar in Shannon bestellt. Es hätte also eigentlich nicht besser laufen können*. :)
In Shannon angekommen, bin ich als erstes zum Baggage Claim von Aer Lingus gesprintet (nun gut, so schnell wie jemand wie ich sprinten kann …). Dort teilte man uns mit, daß die Koffer „da“ seien. Wie … „da“? Na in Kerry. Am Flughafen, oder? Nein, im Ferienhaus.
Das muß man sich jetzt mal auf der Zunge zergehen lassen: wir haben den Flieger verpaßt, nicht aus eigener Schuld, aber gewiß auch nicht aus Schuld der Fluggesellschaft. Und Aer Lingus hat unsere Koffer angenommen, in ein Taxi gestellt und zum Ferienhaus fahren lassen. Dort hat die Vermieterin die Koffer den Berg hinauf zum Ferienhaus geschafft und in den Flur gestellt. <3 Die Adresse wußte Aer Lingus übrigens durch die Buchung des Reisebüros. Wir hatten unvergleichlich schöne Tage. steckten mehrfach in Schafherden fest. Wurden im Dorfpub ausgelacht** und sind den Ring of Kerry lang gefahren. Und irgendwann fahren wir wieder einmal nach Irland. In das Land von Flann O’Brien. Nur dort gibt es eine Insel, die Swim-Two-Birds heißt. Und wer weiß, vielleicht sehen wir einen kauzigen Rauschebart um die Ecke in einen Pub gehen.

*) Als wir den Wagen abgeholt haben, reichte man mir die Schlüssel mit den Worten: „Good luck, you’re the first driver!“. Es handelte sich um einen moosgrünen (was sonst in Irland?) Ford Ka. Wir fuhren vom PArkplatz auf den Zubringer zur Schnellstraße und auf den 500m standen mindestens 2 riesige Schilder mit deutscher (!) Beschriftung: „BITTE LINKS FAHREN!“ Die scheinen keine guten Erfahrungen mit deutschen Fahrern gemacht zu haben … :)

**) Wir kommen in den Pub und setzen uns. Ich gehe zur zur Theke. Alle dort reden dieses wunderbare irische Englisch. Ich bestelle. Stille. Ein Tourist \o/ Ab diesem Zeitpunkt redeten alle einige Minuten lang reinstes Gälisch. Als man mein Gesicht einen ausreichend belämmerten Ausdruck hatte, lachten wir alle herzlich und alles war wieder gut :)

Straßenszene

Eben hier im Dörfchen auf der Straße:
Ein junges Paar geht die Straße hinunter.
Er ein athletischer junger Mann, gut gekleidet und seine Freundin ziemlich rundlich, lange Haare elegant hochgesteckt, mit einem sensationellen blauen Sommerkleidchen, passenden blauen Flipflops mit goldenen Riemchen und passender goldener Handtasche. Irgendwann mag sie wohl ihre Tasche nicht mehr tragen. Da umarmt er sie und trägt ganz tapfer das goldene Handtäschchen weiter die Straße rauf. Ich liebe solche Szenen …

Blogparade: Kultur ist für mich …

… ja was eigentlich? Eine spannende Frage, die Tanja Praske da in ihrem Blog stellt.

Kultur ist ja eng verwoben mit dem Begriff der Kunst. Irgendwie. Und bei Kunst gibt es schon die verschwurbelsten akademischen Definitionsversuche. Einer ist zum Beispiel:

Etwas ist dann Kunst, wenn es keinem nützlichen Zweck oder Ziel dienst, außer sich selbst zu genügen.

Ich glaube, mit akademischen Ansätzen komme ich hier nicht weiter. Das war auch im engeren Sinne nicht die Frage.

Es gibt unendlich viele Erscheinungsformen von Kultur. Da ist alles, was im direkten Augenschein schon mal Kunst ist, also Musik (womit man meist die sogenannte E-Musik meint, dazu gleich mehr), bildende Künste, Schauspielerei, Literatur etc.173H
Ich finde, dazu gehören aber auch die sozusagen Begleitumstände menschlicher Existenz. Also sozusagen die „Artefakte“ menschlicher Tätigkeit, wie Design, Architektur und für mich persönlich besonders wichtig: Mode.

Es gibt eine schöne Stelle in „Der Teufel trägt Prada“, wo Miranda Priestly, die Chefredakteurin der Zeitschrift „Runway“ der jungen Journalistin Andy Sachs gehörig die Meinung geigt, als diese sich über die Belanglosigkeit von Mode äußert. Sie sagt, daß nichts, was irgend ein Mensch an Kleidung trägt, nicht designt ist. Selbst beim billigsten Supermarkt-Pullover hat sich irgendwann irgendjemand hingesetzt und überlegt, welche Farbe und welches Aussehen er haben soll. Ingrid Loschek verweist in „When Clothes Become Fashion“ darauf, daß selbst die Verweigerung von Mode ein Modestatement ist.

Um wieder ein bisschen allgemeiner zu werden: Kultur ist eine Ausdrucksmöglichkeit von Menschen. Zum Beispiel indem man Mode trägt. Das ist oft eine bewußte Äußerung, geschieht manchmal aber auch en passant. So wie bei vielen Formen von Kultur. Das macht man sich oft nicht bewußt, wenn man nur an die bewußt konsumierten Formen der „Hochkultur“ denkt.

Apropos Hochkultur: ich hatte ja versprochen, noch einmal auf die Dichotomie des Begriffs Musik einzugehen. Da gibt es ein wunderbares Buch von Diedrich Diedrichsen namens „Popmusik“, in dem er darlegt, warum er Popmusik für eine ganz eigene Form von Kunst hält. Nämlich sozusagen für ein Package aus Musik, Persönlichkeitskult und Begleitkultur wie Mode, Lebensphilosophie (siehe Beatles) etc. Ich würde ihm zustimmen und damit hat Popmusik auch einen Platz auf meinem Kulturregal verdient :)

Es gibt aber noch einen ganz anderen Kulturbegriff: nämlich in der Biologie, im Gartenbau und der Medizin gibt es Pflanzen- und Zellkulturen. Da ist eine Kultur etwas, das geführt und geleitet wachsen soll. Irgendwie schließt das für mich an den „kulturellen Kulturbegriff“ an: wenn der Mensch Dinge gestaltet und erzeugt, entsteht Kultur. Damit ist Kultur eigentlich eine der wichtigsten Lebensäußerungen. Ich glaube, damuß ich selbst noch mal drüber nachdenken. Vielleicht hat jemand von euch noch Anregungen für mich oder andere Richtungen, in die ich schauen kann …

Liebe Stadt Aachen, wir müssen reden …

… und zwar über euer Ordnungsamt. Ich habe vor einiger Zeit in Burtscheid in der Dammstraße geparkt, weil ich mit einer Kollegin im Café M essen gegangen bin. Zu dem Zweck habe ich mein Auto in einer der Parktaschen dort abgestellt und ein Parkticket bezahlt und auf das Armaturenbrett gelegt. Als wir aus dem Café wieder heraus kamen, hatte ich einen der berühmten gelben Protokollzettel am Armaturenbrett.

2015-05-29 13.32.37

Einige Tage später kam dann eine schriftliche Verwarnung mit einem Überweisungsvordruck für 10€ Verwarnungsgeld. Ich habe daraufhin Einspruch erhoben, eine Fotokopie des Parkscheins beigelegt und hoffte auf eine Klärung der Sache. Heute kam dann das rechts stehende Schreiben von einem gewissen Herrn Ohnevorname Gorné, der laut Webseite der Stadt Aachen „Sachgebietsleiter ruhender Verkehr“ ist. Darin wird nicht etwa die Verwarnung zurück genommen und entschuldigt hat man sich schon gar nicht. Nein, im Gegenteil, man drücke ausnahmsweise mal ein Auge zu und belasse es bei einer gebührenfreien Verwarnung. Der Parkschein wäre zur Kontrollzeit nicht lesbar im Fahrzeug ausgelegt gewesen. Als Beweis legte man das links stehende Foto bei. Darauf sei eindeutig zu sehen, daß kein Parkschein zu sehen gewesen sei.

2015-05-29 13.32.15Lieber Herr Gorné, seien Sie doch mal ehrlich: auf diesem Foto könnte man nicht mal erkennen, wenn der Weihnachtsmann hinter dem Steuer gesessen hätte! Wenn Ihre „Kontrollfachkräfte“ sich nicht mal die Mühe machen, bis zur Windschutzscheibe an ein zu kontrollierendes Fahrzeug heran zu gehen, dann kann ich Ihnen da auch nicht helfen. Vielleicht sollte ich beim Fahrzeug bleiben, und Ihre Kontrolleuere bis an die Scheibe heran tragen. Aber das würde sicherlich als persönlicher Angriff gewertet werden. Das Anschreiben jedenfalls empfinde ich als ausgesprochen unverschämt. Und seien Sie versichert, ich werde auch weiterhin meine Parkscheine so wie bisher immer hinter die Windschutzscheibe legen. Im übrigen belasse ich es jetzt bei folgender gebührenfreier Aufklärung: Das OLG Köln urteilte 1992, daß man Parkscheine zwar nicht verstecken dürfe, daß sich der Kontroletti aber Mühe beim Suchen danach geben muß. Das OLG Naumburg urteilte auch, daß der Parkschein nicht auf der Gehwegseite liegen muß, sondern auch straßenseits liegen darf. Sogar auf der Hutablage. Gebührenfrei ist diese Auskunft, weil Sie als Sachgebietsleiter entweder sehr gut über die Rechtslage informiert sind oder aber vielleicht einen anderen Job brauchen.

Warum ich so ätzend reagiere? Weil der Vorgang von Seiten der Stadt Aachen ein Witz ist. Da kann ich nicht ernst bleiben…

Update: Ich habe eben mit einer sehr netten Dame von der Stadtverwaltung telefoniert. Wir waren uns einig darüber, daß ich ja im Prinzip erreicht habe, was ich wollte, nämlich keine Gebühr zu zahlen. Auch waren wir uns einig, daß die Herrschaften beim Ordnungsamt zum einen sehr häufig mit sehr echauffierten „Kunden“ zu tun haben und daß auch die Formulierungen in Schreiben des Ordnungsamtes gewissen rechtlichen Rahmenbedingungen unterliegen. Die Dame wies dann noch darauf hin, daß die Politesse Stein und Bein schwört, da habe kein Parkschein im Auto gelegen und daß das hier abgebildete Foto am Bildschirm klarer zu sehen sei. Der Herr Gorné (dessen Vornamen ich übrigens jetzt kenne ;) konnte dann nicht anders, als den Fall in diesem merkwürdigen Zwischenstatus zu belassen. Ich wies dann noch darauf hin, daß man den Parkschein aus der Position, in der das Foto gemacht wurde, tatsächlich nicht sehen kann. Das scheint der Geschichte selbst aber keine andere Perspektive zu geben. Fazit: alles verständlich, aber nur bedingt zufrieden stellend. Ich hab die Stadt Aachen aber trotzdem noch lieb :)

Weihnachten ist nicht immer schön …

Deutschlands (wahrscheinlich) größte Franchisekette von Tierfuttergeschäften hat sich eine schöne Aktion ausgedacht: wer mit einen mit Namen versehenen Freßnapf vorbei bringt, kann ihn Nikolaus gefüllt mit Leckerchen für den Liebling wieder abholen. Soweit, so gut.

Heute war ich in einem der besagten Märkte und eine der Mitarbeiterinnen telefonierte mit dem Filialleiter. Es ging um die Frage eines jungen Mannes, ob die Aktion nur, wie auf dem Werbezettel ausgelobt, für Hunde und Katzen, oder auch für Vögel gilt. Nein, war die Auskunft der Mitarbeiterin, ihr Chef habe gesagt, nur Hunde und Katzen.

Traurig nahm der junge Mann den mitgebrachten Vogelnapf wieder an sich und ging. Diese Szene hat mich, ehrlich gesagt, ziemlich mitgenommen. Nicht, weil das Unternehmen die Aktion so limitiert, was ich ehrlich gesagt nicht verstehe, sondern aus einem anderen Grund.

In diesem Land gibt es Menschen, die ihrem Vogel keine Leckerli für ein paar Euro kaufen können. Ich kann euch gar nicht sagen, wie traurig mich so etwas macht. Ich hätte beinah angeboten, dem Vogel ein paar Leckerli auf meine Kosten zu spendieren. Aber leider war der junge Mann zu schnell weg und ehrlich gesagt wußte ich auch nicht, ob ihm das recht gewesen wäre. Jedenfalls werde ich noch ziemlich lange darüber nachdenken.

So wie über die gut gekleidete ältere Dame, die vor einiger Zeit im Kaisers Supermarkt an der Fleischtheke fragte, was die Putenbrust koste. Zweiteiliges Jackenkleid, Kitten Heels, Kettchen auf der adretten Bluse. 8 Euro pro Kilo war die Auskunft, also etwa 3 Euro für die 2 Putenschnitzel, die sie zu kaufen plante. Sie überlegte kurz und sagte dann: „Nein, diese Woche geht das nicht. Ich komme nächste Woche, wenn meine Rente da ist.“

Da läuft doch grundsätzlich was falsch. Für Rentner, Arbeitslose, Kranke und Migranten. Nicht für alle, aber für viele. Leider hab ich auch keine Patentlösung. Das macht meine Gedanken aber nicht weniger finster … jedenfalls wird das so nix mit einem ungetrübten Weihnachtsfest.

Wie ein alter Teppich Menschen öffnen kann

Bei uns im Ort gab es eine Buchhandlung (die es jetzt leider nicht mehr gibt). Den Laden gab es dort, seit ich denken kann. Der Inhaber war ein etwas merkwürdiger, sehr zurückhaltender Mensch. Vielleicht wirkte er aber auch nur auf mich etwas seltsam. Wie dem auch sei, irgendwann bestellte ich eine Gesamtausgabe der Gedichte von Else Lasker-Schüler. Hier ein kurzes Beispiel meines Lieblingsgedichts von Lasker-Schüler:

Deine Seele, die die meine liebet
Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet

Strahl in Strahl, verliebte Farben,
Sterne, die sich himmellang umwarben.

Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit
Maschentausendabertausendweit.

Süsser Lamasohn auf Moschuspflanzentron
Wie lange küsst dein Mund den meinen wohl
Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon.

(Ein alter Tibetteppich)

Als ich das nicht allzu dicke Buch abholte, wurde ich von ihm selbst bedient. Er kam sofort ins Schwärmen über Lyrik. Er erzählte davon, daß er seit Teenagertagen Lyrik lesen würde und wie sehr er sich freue, daß jemand Gedichte als neues Thema für sich entdeckt hatte. Seit dieser Zeit finde ich ihn viel weniger seltsam und wir grüßen uns sehr freundlich, wenn wir uns sehen.

Das pure Gift …

Es ist wieder so weit: überall wird entgiftet, oder neudeutsch gedetoxt, daß die Schwarte kracht. Im Tagesanzeiger gab es letztes Jahr eine sehr schöne Kolumne von Michèle Binswanger zu diesem Thema, die eigentlich schon sehr schön zusammen faßt, was ich davon halte. Einen weiteren interessanten Artikel hat fast zeitgleich Christine Pander für den Spiegel geschrieben.

Ich gebe es zu: ich bin Naturwissenschaftler. Wer mir gegenüber (oder auch allgemein öffentlich) eine Theorie propagiert, muß die mit Tatsachen belegen können. Und die Homöopathieaussage „Wer heilt hat Recht“ ist kein faktischer Beweis. Weil es nämlich bis heute keine naturwissenschaftlich begleitete Studie gibt, die zweifelsfrei nachgewiesen hat, daß Homöopathie in irgendeiner Form funktioniert.

Das ist aber nicht mein eigentliches Thema. Seit einigen Jahren nimmt die Beschäftigung mit Ernährungstheorien (Paleo, Vegan etc.) immer breiteren Raum in der Öffentlichkeit ein. Veganismus steht da aufgrund seiner pseudomoralischen Begründung etwas außen vor, aber eines der aktuellsten und wirklich unsinnigsten Themen ist die Detox-Kur.

Hier geht man davon aus, daß sich Giftstoffe (Welche denn? Wo kommen die her? Wo genau sind die? Und welcher Mechanismus entfernt sie wieder?) im Körper sammeln. A priori wird ohne Faktenbeweis angenommen, daß das Leben, wie man es bisher geführt hat, den Körper nit Giften belastet hat. Nachweisbar sind diese Gifte natürlich nicht. Da wird dann die diffuse Gemengelage eines „es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man (noch) nicht messen“ bemüht. Wer sich mal mit Homöopathie beschäftigt hat, dem wird diese Nicht-Begründung schon bekannt vorkommen.

Da sind also nicht bestimmbare Schadstoffe im Körper. Und die sollen nun durch Zufuhr spezieller Getränke und Nahrungsmittel bzw. diätetisches Weglassen ebensolcher aus dem Körper entfernt werden. Kurze Zwischenfrage: wenn nicht genau bekannt ist, um welche Giftstoffe es sich konkret handelt, wie kann man dann ein „Gegenmittel“ finden?

Wie der ernährungsphysiologisch ungebildete Naturwissenschftler schon vermutet hat, sagen auch die Experten, daß Detox-Produkte komplett wirklungslos sind. Was bleibt, ist das warme Gefühl im Bauch, „etwas für sich getan zu haben“. Das möchte ich auch niemandem nehmen. Aber versucht nicht, eine objektive Wirkung zu konstatieren, wo medizinisch lediglich der Placeboeffekt wirkt. Daß eine Fokussierung auf sich selbst einem Menschen helfen kann steht außer Frage. Aber mit den pseudowissenschaftlichen Ersatzreligionstheorien schadet man dem eigentlichen Anliegen aller dieser Bemühungen: dem Menschen zu helfen, egal auf welche Art. Und im Grunde wissen wir ja seit Zohan: das einzige, was immer hilft ist Humus!

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Maledico ergo sum – Über den Sinn und Unsinn des Lästerns

Maledicere, lat., male = schlecht, dicere = reden. Über jemanden schlecht reden, lästern. In starken Bedeutungen, vor allem religiös: jemanden verfluchen.

Heute wollte ich mich mal mit einem Thema, daß häufig auf Twitter zu Diskussionen führt. Ich gebe es zu: ich lästere gerne. Allgemein definiert: ich sage meine (negative) Meinung zu Dingen, Menschen oder Vorgängen. Das ist an und für sich nichts ungewöhnliches, das macht ja jeder schon mal. Nur scheint der Effekt auf Twitter ein ungleich stärkerer zu sein.

Da scheint es mehrere Aspekte zu geben:

  1. Manche Menschen sind der Meinung, man solle öffentlich nur Gutes sagen und über alles Negative schweigen.
  2. Andere wiederum nehmen eine rein persönliche Meinung als allgemein gültige Regel.

Zu Punkt eins kann ich nur sagen, daß ich eine Kultur, die keine abweichende Meinung öffentlich zuläßt für ganz schön fad halte. Meiner Meinung nach (oha, da ist sie wieder, die eigene Meinung!) kommt diese Regel aus dem PR Bereich, wo sie sicherlich Sinn macht. Ein Twitter-PR-Account sollte nicht negativ über andere Menschen, Mitbewerber etc. lästern. Ich als private Person muß mich da nicht dran halten. Im Gegenteil, Privatpersonen, die das tun verlieren in meinen Augen (Obacht, schon wieder eine persönliche Meinung) sehr an Glaubwürdigkeit.

Wieviel Negatives man schreiben kann und wie tief (Gürtellinie, ihr kennt das) das gehen darf, ist eine zweite Frage. Hier Maß zu halten kann durchaus eine gute Idee sein, wenn man nicht der @Griesgrämer ist. Da ist sicherlich bei jedem Menschen die Toleranzschwelle anders …

Was den zweiten Punkt angeht, habe ich das Gefühl, daß manche Leute Twitter überschätzen. Oder mich. Oder mein Ego. Oder ihr eigenes. Bin mir da nicht ganz sicher. Aber wenn ich meine (positive oder negative) Meinung zu etwas laut sage, heißt das nicht: „Seid jetzt alle meiner Meinung“. Und auch nicht: „Das ist so. Punkt.“. Nein, es heißt nur: das ist meine persönliche Meinung und ich bin groß genug, damit klar zu kommen, daß ich evtl. der einzige auf der Welt bin, der das so sieht. Und ich bin mir sicher, daß meine Meinung im Zweifelsfall einfach niemanden interessiert. Das ist aber kein Grund sie nicht zu sagen, sonst müßte jeder auf Twitter (oder sonstwo im Netz) die Klappe halten.

So, nachdem ich das gesagt habe, darf ich vielleicht weiterhin vor mich hin granteln :)

Ein Patient namens John P.

Vorbemerkung

Da das Thema ab und zu aufkommt, und ich mir das auch mal von der Seele schreiben wollte, berichte ich hier kurz über eine relativ seltene Krankheit, die bei mir vor wenigen Jahren diagnostiziert wurde. Ich weiß nicht, ob Neugier eine „Berufskrankheit“ von Naturwissenschaftlern ist, aber seitdem beobachte ich das quasi von außen und hab einiges zu dem Thema gelesen.

Allgemeines

Anfang der 80er Jahre wurde ein Patient bei seinem Arzt vorstellig, der im Wesentlichen unter rheumaartigen Schmerzen in den Muskeln und Gelenken klagte. Bei ihm wurde zum ersten Mal der sogenannte Anti-Jo1-Antikörper nachgewiesen. Die schlußendlich festgestellte Krankheit war bis dahin nicht bekannt bzw. benannt worden und gehört zu den den sogenannten Polymyositis-Erkrankungen. Man spricht auch von einem autoimmun bedingten rheumatischen Overlap-Syndrom, weil verschiedenste Körperteile betroffen sein können:

  • Gelenke
  • Muskeln (auch der Herzmuskel)
  • Sehnen
  • Lunge
  • Augen (trockene Augen sind üblich)
  • Haut (Dermatosen, Schuppung, übermäßige Hormhautbildung, sog. „Mechanikerhände“)
  • Effloreszenzen der Knöchel (hellrote Knöchel, sieht aus, als habe man an einem kalten Tag keine Handschhuhe getragen)
  • Durchblutung (sog. Reynaud-Syndrom)

Ich nun wieder

Bei mir traten halt anfangs massive Muskelschmerzen auf, die so weit gingen, daß ich morgens 2 Stunden vorsichtige Bewegungen brauchte, bis ich aus dem Haus gehen konnte. Und auch dann fühlte ich mich, wie ein alter Mann (JA, ich bin alt, ich weiß ;).

Bei einem Besuch beim Internisten wurde dann ein unglaublich hoher LDH-Wert im Blut gemessen. Dabei handelt es sich um Lactatdehydrogenase, eine Gruppe von Enzymen, die beim Abbau von Muskeln eine Rolle spielen. Man kann dann genauer hinschauen, welche Art LDH zu finden ist, um darauf zu schließen, welcher Typ Muskel abgebaut wird. Bei mir war es der Typ LDH-5, der für den Abbau von quergestreiften Muskeln verantwortlich ist, aus denen sich die Skelettmuskulatur zusammen setzt. Auf die Art kann man zum Beispiel auch einen Herzinfarkt nachträglich diagnostizieren, weil man dann LDH-1 findet. Bei mir sind momentan die Haut, die Muskeln, die Sehnen und Gelenke sowie die Lunge betroffen.

Therapie

Jetzt kommen wir in den Bereich, der mich als Chemiker brennend interessiert. Behandelt wird das Jo1-Syndrom sozusagen symptomatisch, sprich, man versucht, die statt findenden Prozesse weitgehend zu unterdrücken. Da es sich um eine Autoimmunkrankheit (übrigens nicht meine erste, ich hatte schon mal eine sog. Glomerulonephritis, aber das ist eine andere Geschichte, die gut ausging) handelt, findet man potentielle Medikamente in der Gruppe der Immunsuppressiva. Allen voran das berühmte Cortison und Methotrexat sowie Cyclophosphamid, seltener Ciclosporin (das hab ich damals bei der Nierengeschichte genommen). Bei mir kommt Methotrexat oder kurz Metex zum Einsatz, das normalerweise als Zytostatikum in der Krebstherapie in viel höheren Dosen eingesetzt wird. Metex ist ein Folsäureantagonist, das heißt, es reagiert im Körper mit den Rezeptoren wie Folsäure (die ja zu den lebenswichtigen Vitaminen gehört), aber es wirkt nicht wie Folsäure. Der Effekt ist, daß die entzündeten Zellen, die einen sehr viel höheren, schnelleren Stoffwechsel haben als der Rest des Körpers, sozusagen ausgehungert werden. Man nennt dieses Wirkungsprinzip „Chemoselektivität“.  Nach einer (wöchentlichen) Metex-Spritze erfolgt 2 Tage später der Abbruch der Therapie durch hochdosierte Folsäure, da sonst Leberschäden etc. drohen. Zusätzlich nehme ich noch Vitamin D3 und B12, da man häufig beobachten kann, daß Patienten in diesem Zusammenhang ein Defizit dieser Vitamine aufweisen.

So, das wars erst mal. Das wollte ich mal irgendwo aufschreiben.