Stilphilosophie -Was wir tragen, was wir sind – Teil 1

Neulich bin ich über ein Blogposting von Nicole Gugger gestolpert. Überhaupt, wieso eigentlich gestolpert? Es las sich ja eher ganz flüssig und spannend. Na jedenfalls hat sie ein neues Buch vorgestellt, daß sie gerade las.  Es handelt sich um „Frauen und Kleider: Was wir tragen, was wir sind“ von Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits. Das Buch ist eine Art Collage aus verschiedenen Arten von Kapiteln, wobei die meisten oder auch wichtigsten Kapitel auf einem Fragenkatalog basieren, den sie vielen hundert Frauen vorgelegt haben. Der Katalog ist  sehr umfangreich und ich glaube keine der befragten Frauen hat alle Fragen beantwortet. Aber die Idee, ein Thema einzukreisen, indem man zu einem definierten Arsenal von Fragen Antworten möglichst vieler Menschen einholt, ist spannend. Das dachte sich auch Nicole und hat eine Blogserie ins Leben gerufen, in der sie jeweils eine kleine Auswahl der Fragen für sich beantwortet und dann auch jeden, der dazu Lust hat, einlädt teilzunehmen. So einer Gelegenheit konnte ich dann wirklich nicht widerstehen und auch wenn ich jetzt keine Frau bin wollte ich mich zu einem meiner Lieblingsthemen äußern. Als bisher soweit ich weiß einziger Mann ;)

Diese Woche ist der erste Teil ihrer Serie erschienen und der enthielt die folgenden Fragen:

  1. Welche Unterhaltung über Mode oder Stil hat Dich verändert?
  2. Mit wem redest Du über Kleider?
  3. Glaubst du, du hast Geschmack oder Stil? Was ist dir wichtiger? Was verstehst Du darunter?
  4. Wenn Du Dich nur mit Klamotten beschäftigen würdest, und man dich als Expertin nach deiner Stil-Philosophie fragen würde, was würdest du sagen?

Welche Unterhaltung über Mode oder Stil hat Dich verändert?

Das ist jetzt gar nicht so einfach. Ich glaube, ich unterhalte mich eigentlich sehr wenig im realen Leben über Mode. Leider. Die meiste Zeit beschäftige ich mich aber wohl per Literatur (Blogs, Bücher, Magazine) mit Mode. Wußtet ihr zum Beispiel, daß es ein „Journal of Fashion Theory“ gibt? Darin erschienen so spannende Artikel wie der über den Zusammenhang bzw. die Verwandtschaft von Damenunterwäsche (speziell Corsagen) und Weltraumanzügen von Astronauten oder warum der Muff (dieses Ding, wo man die Hände rein stecken kann) auf historischen Damenportraits ein Vehikel der Emanzipation war. Vielleicht schreib ich darüber demnächst mal was.

Mit wem redest Du über Kleider?

Sehr häufig mit meiner Frau. Die pflegt allerdings eher einen pragmatischen Stil, was dann manchmal zu Diskussionen führt ;) Ansonsten noch mit meiner besten Freundin. Und ich rede auf Twitter über Mode. Das sind dann manchmal aber Selbstgespräche ;)

Glaubst du, du hast Geschmack oder Stil? Was ist dir wichtiger? Was verstehst Du darunter?

Da ich Mode immer etwas theoretisch betrachte, muß ich jetzt ein bisschen ausholen und ein paar Begriffe definieren, wie ich sie sehe bzw. auch manchmal die aktuelle Literatur zu Modetheorie und -soziologie.

Mode

Ich fange mal mit zwei Zitaten eines meiner Lieblingsschriftsteller Oscar Wilde an:

Mode ist so unerträglich häßlich, daß wir sie alle Halbjahre ändern müssen.

Und:

Mode ist jene kurze Zeitspanne, in der das völlig verrückte als normal gilt.

Was hier deutlich wird: Mode ist eine zeitliche Entwicklung. So etwas wie „zeitlose Mode“ gibt es nicht, weil es per Definition schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung keine Mode wäre. Und damit sind wir beim

Stil

Stil ist eine mehr oder weniger durchgängige Präferenz für eine bestimmte modische Ausdrucksform. Stil ändert sich nur, wenn sich der Mensch ändert.

Jetzt zu mir: ich glaube (und hoffe sehr), daß ich keinen speziellen Stil habe. Vielleicht hab ich Geschmack. Das möchte ich aber selbst nicht so beurteilen. Stil zu haben fände ich unglaublich langweilig. Und es würde mich einschränken. Ich segele outfitmäßig gern an einer Kante entlang. Ich möchte mich nicht „wohl fühlen“. Ein Outfit ist für mich persönlich gelungen, wenn es sich so weit aus dem Fenster lehnt, daß es mich ein bisschen (manchmal auch mehr) unkomfortabel macht. Ich mag diesen Nervenkitzel.

Wenn Du Dich nur mit Klamotten beschäftigen würdest, und man dich als Expertin nach deiner Stil-Philosophie fragen würde, was würdest du sagen?

Damit hab ich ja im vorhergehenden Absatz schon angefangen. Ich mag es, wenn ein Outfit soweit gewagt ist, daß ich mich etwas unsicher damit fühle. Und ich mag zumindest kleine, manchmal auch größere, Grenzüberschreitungen. Männer in Röcken und mit lackierten Fingernägeln. Witzigerweise kann ich Frauen in Männerkleidung sowas von gar nicht leiden … seltsam oder?

Ich würde mich selbst auch glaub ich nie als Experten bezeichnen. Experten sind die Leute, die anderen sagen, wo es lang geht. Ich könnte niemand anderen anziehen. Bei wissenschaftlichen oder technischen Themen, kann ich, wenn man mich fragt, die Sache soweit drehen, daß ich eine Einschätzung gebe. Bei Geschmacksfragen geht das meiner Meinung nach nicht.

Ich kann sehr wohl sagen, ob mir etwas gefällt oder nicht. Und selbst dort: Mode ist für mich nicht dazu da, eine „bella figura“ zu machen. Mein zentrales Credo ist: Mode ist Kommunikation!

Blogparade: Kultur ist für mich …

… ja was eigentlich? Eine spannende Frage, die Tanja Praske da in ihrem Blog stellt.

Kultur ist ja eng verwoben mit dem Begriff der Kunst. Irgendwie. Und bei Kunst gibt es schon die verschwurbelsten akademischen Definitionsversuche. Einer ist zum Beispiel:

Etwas ist dann Kunst, wenn es keinem nützlichen Zweck oder Ziel dienst, außer sich selbst zu genügen.

Ich glaube, mit akademischen Ansätzen komme ich hier nicht weiter. Das war auch im engeren Sinne nicht die Frage.

Es gibt unendlich viele Erscheinungsformen von Kultur. Da ist alles, was im direkten Augenschein schon mal Kunst ist, also Musik (womit man meist die sogenannte E-Musik meint, dazu gleich mehr), bildende Künste, Schauspielerei, Literatur etc.173H
Ich finde, dazu gehören aber auch die sozusagen Begleitumstände menschlicher Existenz. Also sozusagen die „Artefakte“ menschlicher Tätigkeit, wie Design, Architektur und für mich persönlich besonders wichtig: Mode.

Es gibt eine schöne Stelle in „Der Teufel trägt Prada“, wo Miranda Priestly, die Chefredakteurin der Zeitschrift „Runway“ der jungen Journalistin Andy Sachs gehörig die Meinung geigt, als diese sich über die Belanglosigkeit von Mode äußert. Sie sagt, daß nichts, was irgend ein Mensch an Kleidung trägt, nicht designt ist. Selbst beim billigsten Supermarkt-Pullover hat sich irgendwann irgendjemand hingesetzt und überlegt, welche Farbe und welches Aussehen er haben soll. Ingrid Loschek verweist in „When Clothes Become Fashion“ darauf, daß selbst die Verweigerung von Mode ein Modestatement ist.

Um wieder ein bisschen allgemeiner zu werden: Kultur ist eine Ausdrucksmöglichkeit von Menschen. Zum Beispiel indem man Mode trägt. Das ist oft eine bewußte Äußerung, geschieht manchmal aber auch en passant. So wie bei vielen Formen von Kultur. Das macht man sich oft nicht bewußt, wenn man nur an die bewußt konsumierten Formen der „Hochkultur“ denkt.

Apropos Hochkultur: ich hatte ja versprochen, noch einmal auf die Dichotomie des Begriffs Musik einzugehen. Da gibt es ein wunderbares Buch von Diedrich Diedrichsen namens „Popmusik“, in dem er darlegt, warum er Popmusik für eine ganz eigene Form von Kunst hält. Nämlich sozusagen für ein Package aus Musik, Persönlichkeitskult und Begleitkultur wie Mode, Lebensphilosophie (siehe Beatles) etc. Ich würde ihm zustimmen und damit hat Popmusik auch einen Platz auf meinem Kulturregal verdient :)

Es gibt aber noch einen ganz anderen Kulturbegriff: nämlich in der Biologie, im Gartenbau und der Medizin gibt es Pflanzen- und Zellkulturen. Da ist eine Kultur etwas, das geführt und geleitet wachsen soll. Irgendwie schließt das für mich an den „kulturellen Kulturbegriff“ an: wenn der Mensch Dinge gestaltet und erzeugt, entsteht Kultur. Damit ist Kultur eigentlich eine der wichtigsten Lebensäußerungen. Ich glaube, damuß ich selbst noch mal drüber nachdenken. Vielleicht hat jemand von euch noch Anregungen für mich oder andere Richtungen, in die ich schauen kann …

Plus Size Fashion Blogs

Ich wurde auf Twitter gefragt, ob ich deutschsprachige Plus Size Fashion Blogs empfehlen könnte. Da fallen mir auf Anhieb ein paar ein und da das für einen Tweet zu viel Text ist und es vielleicht auch Leute interessiert, die mir nicht auf Twitter folgen (Warum eigentlich nicht? Nein, Scherz!), hier eine nicht wertende, nicht sortierte Liste:

Fräulein Flauschig

miss BARTOZ

Fashion Fee

In fat style

Lu zieht an

Ich kenne keine der Damen persönlich, habe mich aber per Twitter schon mit allen unterhalten.

Fashion Theory – Modetheorie

Mode. Das ist nicht nur Design, Farbe oder Outfit. Es gibt auch theoretische Aspekte der Mode:  Soziologie, Mathematik, Technik, Geschichte und Philosophie.
Soziologische Fragen wären zum Beispiel:

  • Warum trägt jemand bestimmte Kleidung?
  • Wie reagieren andere Menschen auf meine Kleidung?
  • Was möchte jemand mit seiner Kleidung ausdrücken?
  • Welche Funktion haben Modeblogger?
  • Warum sind manche Modeblogger berühmter als andere? Und wie sind sie es geworden?

Die Mathematik kann den Theoretikern dabei helfen, bestimmte Phänomene oder Mechanismen besser zu verstehen oder zu quantifizieren. Ein sehr berühmtes Beispiel dafür ist das Modell nach Axelrod. Damit kann z. B. die Ausbreitung bestimmter Modeerscheinungen in Gesellschaften simuliert werden. Simulationen allgemein dienen dazu, soziologische Modelle zu testen und zu quantifizieren. Dadurch kann man versuchen, die Mechanismen, die wirken, wenn Menschen unbewusst Dinge tun, ohne selbst davon zu wissen, zu verstehen.

Technische Aspekte können aus zu unterschiedlichen Gebieten wie Stoffproduktion, Verarbeitungstechniken oder neuerdings wearables bestehen.

Historische Themen umfassen Fragen nach der Herkunft und Verwendung von Kleidung in früheren Jahrhunderten. Während heute Kleidung oft dazu dient Zugehörigkeit oder Andersartigkeit zu bestimmten sozialen Gruppen zu kennzeichnen,  diente Kleidung in früheren Jahrhunderten dazu, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht zu repräsentieren. Auf die Aspekte, wie es zu einer Änderung dieses Kodex kam , kann ich in einem der folgenden Postings noch eingehen.

Die philosophischen Fragestellungen im Bereich der Mode sind oft die interessantesten, aber auch umstrittensten. In diesen Bereich gehören Fragen wie zum Beispiel:

  • Ist Mode Kunst oder Design?
  • Wo liegt überhaupt der Unterschied zwischen Kunst und Design?
  • Welche ethischen Werte verkörpern bestimmte Moderichtungen?

Auf einige dieser Fragen oder eigentlich fast alle würde ich in der kommenden Artikelserie gerne näher eingehen. Über die Reihenfolge bin ich mir noch nicht ganz klar, aber einige der Artikel existieren schon in ersten Versionen. Die Recherche ist aber ziemlich aufwendig.

Fashion People: Valerie Steele

Einleitung

(See english version below)

Dr. Valerie Steele (Website, Blog, Wikipedia) kenne ich (nun ja, leider nicht persönlich) seit ihrem Buch „Fetish: Fashion, Sex and Power“, das ich als Student gelesen habe. Sie ist seit 2003 Kuratorin des Museums am Fashion Institute of Technology der State University of New York. Neulich habe ich entdeckt, daß sie neben den großartigen Ausstellungen ihres Museums und der Herausgabe (und Gründung) des wissenschaftlichen Journals „Fashion Theory“  auch viele Vorträge hält bzw. Interviews gibt. Und einiges davon findet sich auf YouTube. Und ich dachte, die meiner Meinung nach besten zeige ich euch hier kurz.

Introduction

I got to know (well, unfortunately not in person) Valerie Steele, PhD, (Website, Blog, Wikipedia) when I read her book „Fetish: Fashion, Sex and Power“ as a student. Since 2003 she is curator of the Museums at the Fashion Institute of Technology of the State University of New York. Recently I discovered, that in addition to the brilliant exhibitions of the museum and being (founding) editor-in-chief of „Fashion Theory“, a scientific journal, she also gives talks and interviews. You can find some of them on YouTube. And so I thought I’ll show the ones I like most.

Videos

Chic Chat Interview with The Outnet

 

Big Think Interview

 

Is fashion art? (Talk at mumok Museum of modern art, Vienna)

 

Sociology of Style Interview

 

On cultural influences in fashion design

 

The ‚F‘ word, a conversation about fashion (at Casa Italiana Zerilli-Marimò, New York University)

 

In conversation with Fran Lebowitz at the Queer History of Fashion Symposium

Ausbreitung von Kultur

Ein kurzer Abriß des Modells der Ausbreitung von kulturellen Eigenschaften von R. Axelrod

Einleitung

Dieser Text bildet die Basis für einen folgenden Blogpost, in dem das kombinatorische Prinzip des Modells von Axelrod auf Modeerscheinungen angewandt wird.

Robert Axelrod hält eine Professur an der School of Public Policy der University of Michigan und beschäftigt sich mit Fragestellungen der soziologischen Dynamik in Gruppen. Ein Fokus seiner Arbeiten in den 90er Jahren geht von einer Reihe interessanter Fragen aus, die er in einem oft referenzierten Paper veröffentlicht hat:

  • Die Kommunikation von Menschen führt im Allgemeinen zu einer Angleichung von kulturellen Eigenschaften. Warum sind dann aber nach einiger (langer?) Zeit nicht alle Menschen der gleichen Meinung?
  • Wie kommt es zur Ausbreitung von kulturellen Eigenschaften?
  • Warum entstehen im Gegenteil u.U. sogar völlig unterschiedliche kulturelle Ausprägungen?

„Kulturelle Eigenschaften“ (cultural features) definiert Axelrod hier sehr breit als alle Eigenschaften, die durch sozialen Einfluß (social influence) von außen beeinflußbar sind. Das können, politische Ansichten, Moden oder die Art sein, etwas bestimmtes zu tun.

Die klassische Soziologie kennt eine Reihe von Begründungen, wie es trotz allgemeiner Homogenisierungsmechanismen zu Unterschieden kommen kann. Dazu gehören:

  • Willentliche soziale Abgrenzung
  • Modeerscheinungen bzw. zeitlich begrenzte Trends
  • Bevorzugung extremer Ansichten
  • Drift aufgrund zufälliger Prozesse (z.B. Änderungen in einer Sprache)
  • Geographische Isolation
  • Der Wunsch nach Spezialisierung
  • Wechselnde Umgebungsbedingungen oder technologischer Fortschritt

Axelrods Modell

Eine Grundannahme von Axelrod ist, daß der Transfer von Ideen oder Ansichten durch Kommunikation einzelner Individuen geschieht. Nicht ausschließlich, aber auch. Daneben gibt es die Verbreitung von Ideen durch zentrale Organisationen. Kommunikation tritt dann am effektivsten auf, wenn sich zwei Individuen schon ein wenig ähneln. Sprich, je mehr Gemeinsamkeiten sie eh schon haben, um so wahrscheinlicher ist es, daß sie miteinander kommunizieren: „Similarities lead to interaction, interaction leads to still more similarity

Jetzt stellt sich die Frage, ob man alleine mit einem System miteinander kommunizierender Individuen nicht nur Einebnungs- und Angleichungsprozesse, sondern auch Divergenzen abbilden kann, ohne spezielle Mechanismen der Abspaltung mit einzubeziehen, wie sie oben erwähnt wurden.

Axelrod hat hierzu ein einfaches programmatisches Modell aufgesteht, bestehend aus einer Matrix von einfachen Automaten oder State Machines, die er agents nennt. Da Agenten in der IT aber generell komplexere selbstständige Systeme bezeichnen, verzichte ich hier auf diesen Namen. Diese Automaten sind auf einem kartesischen Netz, sagen wir von 10×10 Knoten angeordnet.

Jeder Knoten hat einen Zustand, der durch sagen wir 5 allgemeine kulturelle Features definiert wird. Jedes Feature kann z.B. 10 verschiedene Werte oder Merkmale oder Ausprägungen von 0-9 annehmen. Damit kann man den Zustand eines Knotens durch ein Fünfertupel wie [3,5,7,3,0] beschreiben. Die Knoten wechseln den Zustand einzelner Features durch Einfluß eines Nachbarn, indem sie dessen Wert einfach annehmen. Sie besitzen also keinen sonderlich intelligenten Wertealgorithmus.

Der Algorithmus der zeitlichen Simulation läuft nun wie folgt:

  1. Man pickt sich per Zufallsgenerator einen Knoten heraus.
  2. Dann nimmt man als „Einflußnehmer“ einen zufälligen Nachbarn oben, unten, links oder rechts dazu.
  3. Die Wahrscheinlichkeit, daß diese beiden Knoten interagieren hängt dann davon ab, wie ähnlich sich ihre Werte schon sind.
  4. Gibt es eine Gleichheit in mindestens einem Wert eines Features bestimmt man per Zufall eines der unterschiedlichen Features und überschreibt den Wert des ausgewählten Knotens darin mit dem Wert seines Nachbarn. Damit ist es zu einer Angleichung in einer Eigenschaft gekommen, auf der Basis der sonstigen Eigenschaften.

Diesen Rechenschritt wiederholt man nun oft. Sehr oft. Viele tausend bis zehntausend Mal. Für das erwähnte 10×10 Raster kommt man auf etwa 81.000 Iterationen. Danach ist der Zustand meist sehr stabil. Mathematisch gehört diese Simulation zu den sogenannten Markov-Chains.

Was man dann beobachten kann, ist, daß sich auf dem Gitter sogenannte kulturelle Regionen heraus bilden, deren Eigenschaften völlig gleich sind. Nun kann man mit den Parametern dieser Simulation spielen, als da wären:

  • Größe des Gitters oder Areals
  • Anzahl kultureller Eigenschaften
  • Anzahl möglicher Werte, die so eine Eigenschaft annehmen kann

Dann mißt man, erstens, wie lange es dauert, bis sich ein stabiler Zustand einstellt und zweitens, wie viele kulturelle Regionen sich dabei gebildet haben. Stabilität entsteht, weil in einer kulturellen Region alle Mitglieder exakt die gleichen Werte haben, hier findet also keine Änderung mehr statt. Und an den Außengrenzen der Region gibt es nur noch Elemente, die sich in allen Eigenschaften unterscheiden und deswegen nicht mit ihren Nachbarn kommunizieren.

Ergebnisse der Simulationen

Es zeigt sich, daß die Ergebnisse statistisch stabil sind und im Überblick wie folgt aussehen:

  • Erhöht man die Anzahl kultureller Eigenschaften, entstehen langsam weniger homogene Regionen. Der Grund ist, daß mit der Anzahl Eigenschaften die Wahrscheinlichkeit, daß sich zwei benachbarte Elemente in irgendeinem Punkt davon ähneln, leicht steigt.
  • Erhöht man dagegen die Auswahl möglicher Werte für jede kulturelle Eigenschaft, so steigt die Anzahl Regionen sehr schnell an. Die Begründung ist, daß mehr Werte eine geringere Wahrscheinlichkeit darstellen, daß sich zwei Nachbarn so ähneln, daß sie kommunizieren.

Zusätzlich kann man noch die Reichweite der Interaktion zweier Knoten erweitern, indem diese z.B. auch mit ihren diagonalen Nachbarn kommunizieren können. Erwartungsgemäß steigt damit die Geschwindigkeit der Homogenisierung und es sinkt die Anzahl kulturell unterschiedlicher Regionen.

Wenn man nun noch die Größe des Netzwerks variiert, z.B. zwischen 2×2 und 100×100 Knoten, so findet man anfangs einen starken Anstieg der Anzahl homogener Regionen bis zu einer Gittergröße von 12×12. Danach sinkt die Anzahl Regionen langsam wieder asymptotisch gegen etwa 2.

Daß sehr kleine Netze zu max. 2 Regionen neigen ist, relativ einfach erklärbar, weil einfach nicht mehr Platz für Regionen vorhanden ist. Steigender Platz führ bei 12×12 Gittern zu bis zu durchschnittlich 23 (!) stabilen homogenen Regionen. Daß es danach zu einem Abfall kommt, läßt sich nur durch Beobachtung der historischen Entwicklung solcher Netze erklären.

Im Laufe der Entwicklung der Netzwerke kann man beobachten, daß große Regionen neben kleinen Regionen häufiger überleben als umgekehrt. Man könnte sagen, das große Gebiet „frißt“ das kleine auf. Große Netze erlauben große Gebiete, damit kommt es häufiger zur Auslöschung kleiner kultureller Regionen.

Interessant in diesem Zusammenhang sind auch „kulturelle Zonen“. Diese definiert Axelrod als Gebiete kompatibler kultureller, also ähnlicher, Features. Solche stabilen komatiblen Zonen bilden sich im Laufe der Simulation sehr schnell aus, ganz im Gegensatz zu den homogenen Regionen. Im Endeffekt entsteht fast immer aus einer Ähnlichkeitszone ein homogenes Gebiet. Daher kann man durch Auszählen der Zonen sehr viel schneller zu einer Aussage über die im Endeffekt zu findenden kulturellen Regionen kommen.

Zusammenfassung

Das Modell läßt sich (darauf ist Axelrod anscheinend sehr stolz) in einem Satz zuammen fassen:

Mit einer Wahrscheinlichkeit, die ihrer kulturellen Ähnlichkeit entspricht, übernehmen zufällig gewählte Knoten exakt ein kulturelles Feature von einem ihrer zufällig gewählten Nachbarn.

Die Ergebnisse lassen sich in zwei intuitiv erwartete und zwei eher überraschende Resultate gliedern. Die erwarteten sind:

  • Die Anzahl Regionen nimmt zu mit der Zunahme der möglichen Werte für kulturelle Features.
  • Sie nimmt ab mit der Reichweite der Interaktion.

Die überraschenden Ergebnisse sind:

  • Die Anzahl Regionen nimmt ab mit der Zunahme der kulturellen Eigenschaften oder Features.
  • Die Anzahl der Regionen nimmt wieder ab mit der zunehmenden Größe der Netzwerkareale.

Durch die Übernahme von Features eines Nachbarn kommt es natürlich möglicherweise zu einer Abnahme der Ähnlichkeit zu anderen Nachbarn. Treffen solche Prozesse in einem bestimmten Gebiet häufiger aufeinander kommt es tatsächlich ohne äußeres Eingreifen zu einer Polarisation mit völlig unterschiedlichen Regionen.

Zusätzlich macht das Modell ja keinerlei Annahmen über die Kopplung zweier kultureller Features. Es reicht also, wenn zwei ansonsten unterschiedliche Menschen gerne in eine Kneipe gehen, daß es zur Kommunikation kommt. Sollte dann der eine den anderen zu einer rechtsextremen Meinung überreden, bedeutet das ja keinesfalls, daß alle Kneipenbesucher ins rechte Spektrum gehören. Es hat schlicht nichts miteinander zu tun.

Mode für Nerds

Nach längerer Pause melde ich mich zurück mit einer kleinen Blogreihe. Ich habe festgestellt, daß es einen ganzen Haufen wissenschaftlicher Publikationen zum Thema Mode gibt. Diese sind meist in englischer Sprache verfasst und tief in den Jargon der jeweiligen Wissenschaft eingebettet. Manchmal dient die Verwendung von Fachtermini auch der (vermeintlichen) Stärkung der wissenschaftlichen Respektabilität. Steht doch Mode an sich oft nicht in dem Ruf, ein besonderes ernstes wissenschaftliches Thema zu sein.

Viele dieser Charakteristika machen diese Literatur leider schwer verdaulich. Dem möchte ich entgegen wirken und euch mit Links und Quellenangaben versehene übersichtliche Zusammenfassungen zu liefern, die entweder für sich alleine stehen können, wenn man nur kurz rein schnuppern möchte, um was es sich handelt, oder die als Sprungbrett für eine tiefer gehende Beschäftigung mit einem Thema dienen können.

Ihr dürft euch auf spannende und manchmal skurrile Beiträge aus einer ganzen Reihe von Wissenschaften freuen, z. B.:
• Soziologie (hier findet sich ein reiches Betätigungsfeld, Soziologen finden Mode spannend)
• Mathematik (zum Beispiel Kombinatorik)
• Informatik (Pattern Matching etc.)

Wie ihr seht, erwartet uns eine wilde Mischung und vielleicht verhilft euch und mir das eine oder andere Posting zu einer völlig neuen Sicht auf das vermeintlich so oberflächliche Thema Mode. Zum Schluß noch die Bitte, falls jemand von euch ein Fundstück für diese Reihe hat, dann schreibt mir doch bitte. Jetzt bleibt mir nichts, als euch viel Spaß beim Lesen zu wünschen.

Blau – Die Geschichte einer Farbe

Heute möchte ich euch kurz ein sehr interessantes Buch vorstellen, von dem ich in einer Rezension auf WDR3 gehört habe. Geschrieben hat es Michel Pastoureau, ein französischer Mediävist und Symbologe. Pastoureau ist spezialisiert auf Heraldik und die Kulturgeschichte der Farben in Kunst und Gesellschaft.

Blau-Geschichte

 

Pastoureau beschreibt sehr anschaulich und lebhaft, wie sich die Farbe Blau anders als die meisten anderen Farben in der Kunst und Mode seit der Antike entwickelt hat. In der Antike wurde Blau so sehr ignoriert, daß die Kunsthistoriker in den letzten beiden Jahrhunderten aufgrund der fehlenden Erwähnungen mehrfach die Theorie aufgestellt haben, daß die Menschen der Antike kein Blau sehen konnten. Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Bei den Römern galt Blau als Farbe der Barbaren (Kelten und Germanen) und wurde deshalb als minderwertig angesehen. Im Mittelalter war Blau dann auch in der Kunst fast nie und bei gefärbten Stoffen äußerst selten anzutreffen. Später war Bla die Farbe der Könige. Vorreiter waren hier die französischen Könige, wie schon die Fleur-de-lis, die französische Wappenlilie zeigt. Heute ist Blau in der westlichen Kultur eine der mit Abstand beliebtesten Farben. Man denke nur an Jeansstoffe

Das änderte sich mit der Zeit und die Nachfrage nach möglichst kräftig gefärbten blauen Stoffen trieb die Färbetechniken voran. Einer der ersten blauen Farbstoffe für das Färben von Stoffen war der Färberwaid. Im Laufe des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance wurde der Waid dann nach und nach durch aus Asien und später Amerika importierten Indigo ersetzt, der etwa zehnmal intensiver färbt. 1870 erfolgte die erste künstliche Synthese von Indigo durch Adolf von Baeyer.

Sehr anschaulich beschreibt Pastoureau, wie die sich ändernde Gesellschaft nach neuen Farben für Stoffe verlangt und die Maler immer auf der Suche nach einem kräftigeren und leuchtenderen Blau sind. Wer sich also für Farben im Allgemeinen interessiert, oder wessen Lieblingsfarbe sogar Blau ist, dem kann ich dieses kleine Buch nur wärmstens empfehlen.

Bibliographische Daten:
Titel: Blau – Die Geschichte einer Farbe
Autor: Michel Pastoureau
Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2718-1
Verlagslink: Blau – Die Geschichte einer Farbe

New in: Buffalo x Solestruck

English version below.

Und wieder einmal bin ich bei Solestruck fündig geworden. Wer außergewöhnliche Schuhe sucht kommt meiner Meinung nach an Solestruck kaum vorbei. Und von Zeit zu Zeit gibt es eine Kooperation mit einem bekannten Schuhhersteller, so wie in diesem Fall Buffalo. Der Titel lautet „So happy together“ und das merkt man.

2013-12-11 14.40.02Es handelt sich um meine ersten Buffalo Boots seit langem und ich muß sagen: die Dinge sind unglaublich bequem. Außergewöhnlich ist, neben dem an Roy Lichtenstein erinnernden Mustermix, daß die Boots eine Schnürung kombiniert mit einem Klettverschluß haben.

2013-12-11 14.39.45Zu Solestruck kann ich nur sagen, daß die Herrschaften sehr schuhverrückt sind und einen der besten Webshops zu diesem Thema haben, den ich kenne. So wird zu jedem Schuh ein Maß für die Länge der Innensohle angegeben und wie sich dies bei den anderen Größen fortsetzt. Dazu kommt ein fabelhafter Kundensupport, auch per Twitter. Respekt!

Ich habe noch ein zweites Paar gekauft, das zeig ich euch ein ander Mal …

English Version:

And once again I found some new shoes at Solestruck. When you are looking for some extraordinary shoes, you are probably not able to pass Solestruck. And from time to time there’s a cooperation with some well known shoe manufacturer, in this case Buffalo. It’s titeled „So happy together“ and that’s noticeable.

These are my first Buffalo boots for a very long time and I have to admit: they are very comfortable. The mix of patterns reminds me of Roy Lichtenstein and the boots combine a lacing with Velcro strips.

Speaking about Solestruck I need to say they are very crazy about shoes and have built one of the best shoe web shops I know. For every product there is an insole measure with information how the length propagates in other sizes. This is complemented by a fabulous customer support, even via Twitter. Respect!

I bought another pair of shoes which I’ll show next time …

 

 

Schuhe mit Durchblick

Drei Jahre dauert die Kooperation von Adidas Originals mit Opening Ceremony nun schon an. Die meisten Dinge, die daraus entstehen gefallen mit nur, sagen wir vorsichtig, bedingt. Aber letztes Jahr gab es ein Schuhmodell, daß es mir angetan hatte. Der gesamte Schuh (bis auf die Sohle) war aus durchsichtiger Kunststofffolie gefertigt. Die Schuhe gibt es in mehreren Farben, u.a. rauchgrau und pink-rot.

p1Als ich dann neulich sah, daß diese Schuhe bei vente privee im Ausverkauf waren, konnte ich nicht widerstehen. Ich glaube, es handelt sich um einen der wenigen Schuhe, die ohen Füße drin fast besser aussehen als mit. Trotzdem hier noch ein Bild mit Füßen (und blau geringelten Socken):

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Ein seitliches Bild habe ich auch mal gemacht, damit man die Ventilationslöcher sehen kann, die sich auf der Innen- und Außenseite befinden:

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Genau da stellen sich sicher einige die Frage, wie das wohl ist, wenn man längere Zeit mit den Schuhen läuft. Ich habe auch das ausprobiert und muß sagen, daß ich angenehm überrascht bin. Meine Vermutung war, daß die Schuhe nach einiger Zeit von innen beschlagen wie eine Windschutzscheibe im Winter. Dem ist aber nicht so, wie man hier noch einmal sehen kann:

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Auf diesem Bild trage ich die Schuhe jetzt gute 2.5 Stunden. Ich muß sagen: ich bin begeistert. Was denkt ihr?