Stilphilosophie -Was wir tragen, was wir sind – Teil 1

Neulich bin ich über ein Blogposting von Nicole Gugger gestolpert. Überhaupt, wieso eigentlich gestolpert? Es las sich ja eher ganz flüssig und spannend. Na jedenfalls hat sie ein neues Buch vorgestellt, daß sie gerade las.  Es handelt sich um „Frauen und Kleider: Was wir tragen, was wir sind“ von Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits. Das Buch ist eine Art Collage aus verschiedenen Arten von Kapiteln, wobei die meisten oder auch wichtigsten Kapitel auf einem Fragenkatalog basieren, den sie vielen hundert Frauen vorgelegt haben. Der Katalog ist  sehr umfangreich und ich glaube keine der befragten Frauen hat alle Fragen beantwortet. Aber die Idee, ein Thema einzukreisen, indem man zu einem definierten Arsenal von Fragen Antworten möglichst vieler Menschen einholt, ist spannend. Das dachte sich auch Nicole und hat eine Blogserie ins Leben gerufen, in der sie jeweils eine kleine Auswahl der Fragen für sich beantwortet und dann auch jeden, der dazu Lust hat, einlädt teilzunehmen. So einer Gelegenheit konnte ich dann wirklich nicht widerstehen und auch wenn ich jetzt keine Frau bin wollte ich mich zu einem meiner Lieblingsthemen äußern. Als bisher soweit ich weiß einziger Mann ;)

Diese Woche ist der erste Teil ihrer Serie erschienen und der enthielt die folgenden Fragen:

  1. Welche Unterhaltung über Mode oder Stil hat Dich verändert?
  2. Mit wem redest Du über Kleider?
  3. Glaubst du, du hast Geschmack oder Stil? Was ist dir wichtiger? Was verstehst Du darunter?
  4. Wenn Du Dich nur mit Klamotten beschäftigen würdest, und man dich als Expertin nach deiner Stil-Philosophie fragen würde, was würdest du sagen?

Welche Unterhaltung über Mode oder Stil hat Dich verändert?

Das ist jetzt gar nicht so einfach. Ich glaube, ich unterhalte mich eigentlich sehr wenig im realen Leben über Mode. Leider. Die meiste Zeit beschäftige ich mich aber wohl per Literatur (Blogs, Bücher, Magazine) mit Mode. Wußtet ihr zum Beispiel, daß es ein „Journal of Fashion Theory“ gibt? Darin erschienen so spannende Artikel wie der über den Zusammenhang bzw. die Verwandtschaft von Damenunterwäsche (speziell Corsagen) und Weltraumanzügen von Astronauten oder warum der Muff (dieses Ding, wo man die Hände rein stecken kann) auf historischen Damenportraits ein Vehikel der Emanzipation war. Vielleicht schreib ich darüber demnächst mal was.

Mit wem redest Du über Kleider?

Sehr häufig mit meiner Frau. Die pflegt allerdings eher einen pragmatischen Stil, was dann manchmal zu Diskussionen führt ;) Ansonsten noch mit meiner besten Freundin. Und ich rede auf Twitter über Mode. Das sind dann manchmal aber Selbstgespräche ;)

Glaubst du, du hast Geschmack oder Stil? Was ist dir wichtiger? Was verstehst Du darunter?

Da ich Mode immer etwas theoretisch betrachte, muß ich jetzt ein bisschen ausholen und ein paar Begriffe definieren, wie ich sie sehe bzw. auch manchmal die aktuelle Literatur zu Modetheorie und -soziologie.

Mode

Ich fange mal mit zwei Zitaten eines meiner Lieblingsschriftsteller Oscar Wilde an:

Mode ist so unerträglich häßlich, daß wir sie alle Halbjahre ändern müssen.

Und:

Mode ist jene kurze Zeitspanne, in der das völlig verrückte als normal gilt.

Was hier deutlich wird: Mode ist eine zeitliche Entwicklung. So etwas wie „zeitlose Mode“ gibt es nicht, weil es per Definition schon zum Zeitpunkt seiner Entstehung keine Mode wäre. Und damit sind wir beim

Stil

Stil ist eine mehr oder weniger durchgängige Präferenz für eine bestimmte modische Ausdrucksform. Stil ändert sich nur, wenn sich der Mensch ändert.

Jetzt zu mir: ich glaube (und hoffe sehr), daß ich keinen speziellen Stil habe. Vielleicht hab ich Geschmack. Das möchte ich aber selbst nicht so beurteilen. Stil zu haben fände ich unglaublich langweilig. Und es würde mich einschränken. Ich segele outfitmäßig gern an einer Kante entlang. Ich möchte mich nicht „wohl fühlen“. Ein Outfit ist für mich persönlich gelungen, wenn es sich so weit aus dem Fenster lehnt, daß es mich ein bisschen (manchmal auch mehr) unkomfortabel macht. Ich mag diesen Nervenkitzel.

Wenn Du Dich nur mit Klamotten beschäftigen würdest, und man dich als Expertin nach deiner Stil-Philosophie fragen würde, was würdest du sagen?

Damit hab ich ja im vorhergehenden Absatz schon angefangen. Ich mag es, wenn ein Outfit soweit gewagt ist, daß ich mich etwas unsicher damit fühle. Und ich mag zumindest kleine, manchmal auch größere, Grenzüberschreitungen. Männer in Röcken und mit lackierten Fingernägeln. Witzigerweise kann ich Frauen in Männerkleidung sowas von gar nicht leiden … seltsam oder?

Ich würde mich selbst auch glaub ich nie als Experten bezeichnen. Experten sind die Leute, die anderen sagen, wo es lang geht. Ich könnte niemand anderen anziehen. Bei wissenschaftlichen oder technischen Themen, kann ich, wenn man mich fragt, die Sache soweit drehen, daß ich eine Einschätzung gebe. Bei Geschmacksfragen geht das meiner Meinung nach nicht.

Ich kann sehr wohl sagen, ob mir etwas gefällt oder nicht. Und selbst dort: Mode ist für mich nicht dazu da, eine „bella figura“ zu machen. Mein zentrales Credo ist: Mode ist Kommunikation!

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Ein Kommentar

  1. Interessante Fragen…
    Wenn Mode Kommunikation ist, was kommuniziere ich dann mit meinem praktisch leeren Kleiderschrank – 2 abgeranzte Arbeitshosen, eine Cargohose für „gut“ und ein Sack voll T-Shirts….
    Sollte ich jemals in der Lage sein, Geld für Kleidung auszugeben, wären maßgeschneiderte, klassische Anzüge, Hemden und handgenähte Maßschuhe.

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